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© Angelika Firnrohr, Geschäftsführerin Fashion Net Düsseldorf

„Die Maske ist definitiv ein neues modisches Must Have“

Nicht alle Veranstaltungen werden wegen Corona abgesagt. Der Düsseldorfer Verein Fashion Net gab jetzt bekannt, dass die CPD Sommer-Veranstaltung stattfindet. Düsseldorf wird damit wieder zum Orderschwerpunkt für Mode, und zwar mit der Wochenendkernzeit v

Wochenlang waren die Mode-Geschäfte geschlossen. Die Wiedereröffnung unter Auflagen erfolgt zögerlich. Besteht da nicht die Gefahr, dass in Corona-Zeiten die Mode aus der Mode kommt?

Firnrohr: Das wird nicht so sein, wir Frauen sind doch Jäger und Sammler. Shoppen und bummeln allein oder mit der Freundin wird auch zukünftig dazu gehören. Frauen haben immer einen Grund für etwas Neues. Bedarfsorientiert kaufen in der Regel nur die Männer.

The Show must go on? Nicht in Berlin! Dort sind die Modemessen für diesen Sommer komplett abgesagt. Die Krise als Chance für Düsseldorf als Orderplatz? Wie kam die Entscheidung zustande?

Firnrohr: Den Orderplatz hat es doch immer schon gegeben mit der Krise hat das nichts zu tun. Keine deutsche Stadt hat so eine Showroom-Szene wie Düsseldorf. Wie wichtig die ist, zeigt sich auch bei der Gallery Fashion, die als klassisches Messekonzept ihrerseits Flächen nach Showroomkonzept vermarktet. Das Ordergeschehen ist ja auch nicht auf wenige Tage begrenzt, die Einkäufer kommen jährlich zwischen zehn und fünfzig Tage und mehr zum Ordern in die Showrooms.

Aber jetzt Order auf Abstand. Wie wird man sich das konkret vorstellen müssen? Da ist wohl viel Logistik im Vorfeld notwendig?

Firnrohr: Mit der Stadt stimmen wir gerade die notwendigen Maßnahmen ab. Das wird dann wohl in etwa aussehen, wie derzeit auch im Einzelhandel mit dem derzeitige Hygienemassnahmen. Die Termin-Verantwortung liegt dann bei den Showrooms, die im Vorfeld ihre Kunden informieren und auf strikte Regeleinhaltung hinweisen müssen.

Wie haben die zahlreichen Showroom-Betreiber auf die Nachricht reagiert. Machen alle mit?

Firnrohr: Das wird sich zeigen. Nachdem Großveranstaltungen bis zum 31. August nicht erlaubt sind, hatten wir viele Nachfragen, denn die Hersteller brauchen bis Ende August die Bestellungen des Handels. Düsseldorf ist da immer der Auftakt, einige Agenturen ordern danach noch in kleineren Centern wie Hamburg, München, Eschborn oder Sindelfingen. Fashion Net legt ja schon seit zehn Jahren die Termine fest. Wir als Verein sind neutral und verfolgen keine Eigeninteressen, versuchen aber möglichst viel mitzunehmen. In der Regel startet Düsseldorf zwei Wochen nach den Berliner Messen, die mehr als Infoauftakt für die Orderrunde von den Einkäufern genutzt werden. Mit unserem absoluten Orderschwerpunkt sind wir ein Unikat, das von den Showroom-Planern als Anker für das Ordergeschehen außerordentlich geschätzt wird. Der diesjährige Termin CPD wäre eigentlich 24. bis 27. Juli gewesen. Berlin hatte ursprünglich auf 28. bis 30. Juli verschoben, bevor die Messe ganz abgesagt wurde. Den Berliner Termin berücksichtigten wir jetzt bei unserer Planung. Dieser Wunschtermin ist abgestimmt auch mit den unterschiedlichen Genres der Mode von Maistream bis Luxury. Manche Händler machen jetzt schon Termine in den Showrooms, die zum Teil bereits ab 21. Juli geöffnet sind.

Mit wie vielen Ausstellern und Besuchern rechnet Fashion Net Düsseldorf im August?

Firnrohr: Das können wir derzeitig noch nicht abschätzen, da aufgrund der behördlichen Vorschriften die Planung, Terminierung, Festlegung der Anzahl der Kunden pro Fläche mehr Zeit in Anspruch nehmen werden. Fest steht allerdings, dass es kein geballtes Aufschlagen geben wird, das Ordergeschen wird sich eher wie ein ruhiger Fluss über einen längeren Zeitraum abspielen.

Der Anteil ausländischer Aussteller und Besucher ist traditionell hoch am Rhein, wenn es um Modemessen geht. Das geht wohl in diesem Sommer nicht, der Reisemöglichkeit sind ja zurzeit Grenzen gesetzt?

Firnrohr: Das ist heute nicht einzuschätzen, wer und wie viele aus dem Ausland kommen, und wer kommt rein? Die Showrooms melden bereits Anmeldungen aus Österreich und der Schweiz. Doch wie es beispielsweise auf dem russischem Markt aussieht, der bisher mit vielen Einkäufern in Düsseldorf zu den Ordertagen bis zu zwei Wochen präsent war, bleibt abzuwarten. Weil die Messe in Berlin ganz ausfällt, könnten mehr kommen, da bis dahin je keine Kollektionssichtung stattfinden konnte. Wir werden deshalb auch einen zweiten Ordertermin vom 29. bis 31. August kommunizieren. Dieser Wunsch kommt aus den Showrooms, die in diesem Jahr den Düsseldorfer Standort noch wichtiger  für ihre Marken sehen.

Wie wurde der Entschluss, die Ordertage stattfinden zu lassen, bisher aufgenommen? Die Hoteliers werden sicher froh darüber sein, wenn Gäste kommen, der stationäre Handel auf zusätzliche Umsätze hoffen, die Wirte wohl noch warten müssen, ob sie dabei sein können.

Firnrohr: Dazu kann ich nichts sagen, aber ich gehe davon aus: gut. Nicht zu vergessen, dass noch andere Gewerbe wie Taxen, Caterer, Floristen, Models von der ausgeprägten Showroomlandschaft in der Stadt leben und profitieren.

Für welche Saisons wird im August geordert?

Firnrohr: Für Frühjahr/Sommer 2021.

Dabei sitzt der Handel ja noch auf der Sommermode Frühjahr/Sommer 2020, die ja wohl zum Ladenhüter werden wird, ganz zu schweigen von Spontan- bzw. Lustkäufen, Bademode in Vorfreude auf die Ferien, der Anlass-Mode zu Hochzeiten, Schützen-, Familien- und Volksfesten. Wie kann dem Handel geholfen werden?

Firnrohr: Die ersten Meldungen aus den Städten zum Konsumverhalten gehen von anfangs zurückhaltend bis zu besseren Tagesumsätzen als im Jahr zuvor. Händler und Hersteller sind bereits seit Mitte März im regen Austausch über Themen wie Rechnungsvaluta-Verlängerung, ausgesetzte Warenlieferungen, Aufstockung von Basic-Artikeln. Jetzt sind beidseitig partnerschaftliche Modelle gefragt. Denn beide Seiten haben die gleichen Probleme, allen werden geschätzt 30 Prozent Umsatz und möglicherweise mehr fehlen in diesem Jahr. Wie sagte schon Helmut Schmidt: In der Krise zeigt sich der Charakter.

Aber Mode ist ja auch ein emotionales Produkt. Wie kann man diesen Krisenzeiten Lust auf Mode wecken, Trends kreieren? Die passende Maske zum Blazer etwa?

Firnrohr: Ja, die Maske ist definitiv ein neues modisches Must Have und wird uns sicherlich noch einige Zeit begleiten. Ansonsten bin ich optimistisch, dass emotional immer die gleichen Konsum-Mechanismen funktionieren wie Sonnenschein und gute Laune.

Mode reagiert ja auf politische oder gesellschaftliche Entwicklungen, auch in Corona-Zeiten. Wird es vielleicht künftig Entwürfe geben in Richtung einer kuscheligen Wir-bleiben-zu-Hause-Mode, avantgardistische Schutzanzüge, oder Jogging-Hosen, die zur Zeit ohnehin der Renner als Argument gegen Karl Lagerfelds These, wer sie trägt, hätte die Kontrolle über sein Leben verloren.

Firnrohr: Der lässige Trend hat doch schon lange Einzug in die Modewelt gehalten. Bei den Frauen Sneaker statt Pumps zu fast allem. Und bei den Männern ist die Lässigkeit des Casual Friday längst auch an anderen Tagen zu beobachten. An Ganzkörper-Overalls glaube ich persönlich nicht, da schon das Tragen von Masken eine Persönlichkeit verdeckt, da sollte sich doch wenigsten der Körper ins Gänze zeigen. Und zum geschätzten Karl Lagerfeld: Keiner hatte so viel Stil wie er. Und Jogginghosen können einen Träger ganz unterschiedlich erscheinen lassen.

Aber Mode so ganz ohne Schau, geht das überhaupt?

Firnrohr: Schauen sind natürlich die Sahne auf dem Eis und nur wenigen Auserwählten vorbehalten. Aber letztendlich ist Mode doch das, was der Verbraucher kauft und womit der Handel Rendite erwirtschaftet. Ein knallhartes Business. Das Modebild der Städte zeigt, wie vielfältig die Verbraucher Mode interpretieren.

In Düsseldorf findet Modenschau ja auch gern auf der Straße statt, die Kö als Catwalk. Internationale Schauen kann man digital auf diversen Fashion-Kanälen verfolgen und ist damit oft noch näher dran, aber die beliebten Branchen-Treffs, das Get-together im Blumengroßmarkt beispielsweise, so was lässt sich wohl kaum virtuell gestalten?

Firnrohr: Nein, leider nicht, ein emotionales lockeres Zusammenkommen mit Kollegen am Abend nach einem anstrengend Tag, tanzen, essen, trinken Spaß haben für ein paar Stunden, darauf werden wir leider verzichten müssen.

Die Modemessen in Düsseldorf haben eine lange Historie seit den Anfängen der Igedo (Interessengemeinschaft Damen-Oberkleidung), die in den Nachkriegs-Jahrzehnten zur Europa-, manche meinen, sogar weltgrößten Modemesse wuchs, aber sie sind längst keine klassische Messe mehr, auch keine CPD (Collections-Premieren Düsseldorf), sondern ein inzwischen auf angepasstem Niveau eingespieltes über die Stadt verteiltes Ordergeschehen über einen flexiblen Zeitraum. Das braucht nicht nur Konzepte, sondern längst auch einen neuen Namen. Wann werden wir den erfahren?

Firnrohr: Wir arbeiten daran, übrigens auch auf verstärktem Wunsch der Showrooms, wir werden den zeitnah präsentieren. Er beschreibt dann die tatsächliche Order-Situation der Stadt Düsseldorf.

QUELLE: Westdeutsche Zeitung, Inge Hufschlag